Mutationen der Erlen- und Kapuzenzeisige
In den vergangenen Jahrzehnten sind eine Vielzahl von Farbmutationen bei den Zeisigen aufgetreten. Hinzu kommen sehr viele Kombinationen zwischen diesen unterschiedlichen Phänotypen.
Leider gibt es keine umfassende Darstellung der Mutationen und teilweise auch keine aktualisierte Arten- und/oder Musterbeschreibungen für neue Mutationsfarben und -namen, weder national noch international.
In der Kanarienzucht steht die Bezeichnung Achat bzw. Isabell für eine geschlechtsgebunden rezessive Mutation, die wir als Melanin-Verdünnung bei den schwarzen bzw. braunen Vögel ansehen. Das gilt auch für die Mutation Pastell, die bei Kanarien eine andere geschlechtsgebundene Melaninverdünnung darstellt. All diese Bezeichnungen wurden auch auf Cardueliden-Mutationen übertragen, wenn es phänotypisch zu passen schien.
Nicht nur bei Erlenzeisigen (Spinus spinus) und Kapuzenzeisigen (Spinus cucullatus) hat sich inzwischen die englische Bezeichnung „dilute“ eingebürgert (auf Französisch „dilué“, auf Spanisch „diluido“ und auf Italienisch „diluito“). Ins Deutsche übersetzt lauten alle Begriffe „verdünnt“. Aber es ist eine andere Verdünnung gemeint als die der Achat- und Isabellvögel.
Hinzu kommt, dass die O.M.J. – die Preisrichtervereinigung der C.O.M. – zur Tagung 2024 für die Sektionen G-H beschlossen hat, Achatzeisige in „Pastell“ und Isabellzeisige in „Braunpastell“ umzubenennen (siehe Protokoll). Die Verwirrung ist somit komplett!
Ich möchte deshalb den Versuch machen, einige Mutationen der Erlen- und Kapuzenzeisige mit den international üblichen Bezeichnungen in Wort und Bild vorstellen.
Im internationalen Schrifttum sind häufig die Begriffe SL und NSL zu finden. Geschlechtsgebunden (gonosomal) vererbende Eigenschaften werden dort als „SL“ (sex linked) und die nicht geschlechtsgebundenen (frei oder autosomal) vererbenden Eigenschaften „NSL“ (non sex linked) bezeichnet.
Wildfarbig oder ancestral
Die Vögel zeigen keinerlei Veränderungen ihrer ursprünglichen Färbung, können aber spalterbig in einer Farbmutation sein. Der Begriff „ancestral“ ist in der Biologie eine gebräuchliche Bezeichnung für alle ursprünglichen Merkmale. Die Eigenschaften der Wildform vererben sich gegenüber den meisten Mutationen dominant.
Braun
Die Braun-Mutation verwandelt die schwarze Gefiederfarbe in einen schwarzbraunen bis dunkelbraunen Farbton, ohne das eventuell vorhandene Phaeomelanin oder das gelbe oder rote Lipochrom zu verändern.
Die Färbung der Hornteile ist etwas heller als bei ancestral, es bleibt dennoch Melanin an der Schnabelspitze, den Läufen, Zehen und Krallen zurück.
Die Eigenschaft Braun vererbt geschlechtsgebunden rezessiv (SL recessive) in Bezug auf ancestral.
Verdünnt
Bis heute werden bei uns Erlen- und Kapuzenzeisige mit einer Melaninverdünnung als Achat und als Isabell bezeichnet. Es stellte sich jedoch heraus, dass es diese Verdünnungsform bei diesen Arten nicht gibt. Wenn man manchen Berichten Glauben schenkt, gibt es möglicherweise doch Achat- und Isabellzeisige. Diese wären jedoch derzeit extrem selten und in ihrem Phänotyp den Pastell-Zeisigen so ähnlich, dass sie nicht unterscheidbar wären. Nur der Züchter könnte anhand Kontrollverpaarungen und seinen Zuchtbuchaufzeichnungen die tatsächliche Genetik bestimmen. Für das Ausstellungswesen ist jedoch die genetische Abstammung unwichtig. Die Vögel werden ausschließlich nach dem Phänotyp beurteilt. Deshalb hat 2024 die C.O.M./O.M.J. beschlossen, die Melaninfarbe Achat nunmehr als Pastell und die Melaninfarbe Isabell als Braunpastell zu bezeichnen.
Pastell
Pastell (Ex-Achat)
Das ursprünglich schwarze Eumelanin wird zu einem Anthrazit verdünnt. Deshalb findet man oft auch die Bezeichnung „Schwarzpastell“ oder – beim Erlenzeisig – auch „Grünpastell“. Das eventuell vorhandene Phaeomelanin (beim Erlenzeisig) und die Lipochrome bleiben unverändert. Aufgrund der Pastell-Verdünnung erscheint die gelbe bzw. rote Lipochromfarbe aber leuchtender.
An der Schnabelspitze bleibt Melanin sichtbar, die Läufe, Zehen und Krallen sind hell hornfarben.
Die Eigenschaft Pastell vererbt geschlechtsgebunden rezessiv (SL recessive) in Bezug auf ancestral. Wie oben ausgeführt, gehören die Bezeichnungen „Doppelpastell“ und „Achat“ der Vergangenheit an!
Braunpastell (Ex-Isabell)
Es handelt sich um eine Kombination zwischen Braun und Pastell. Aufgrund der Pastellverdünnung bekommen alle ursprünglich schwarzbraunen bis dunkelbraunen Bereiche der Braunvögel eine warme haselnussbraune Farbe; die gelbe bzw. rote Lipochromfarbe erscheint leuchtender.
Der Schnabel hat ist heller und hat eine leicht bräunliche Spitze. Die Läufe, Zehen und Krallen sind hell hornfarben.
Die Vererbung ist geschlechtsgebunden rezessiv (SL recessive) in Bezug auf ancestral und Braun. Wie oben beschrieben, gehören die Bezeichnungen „Braun-Doppelpastell“ und „Isabell“ der Vergangenheit an!
Dilute
Dilute EF
Bei „dilute“ handelt es sich um eine nicht geschlechtsgebundene Mutation, die dominant vererbt wird (NSL dominante). Die Vögel können ein mutiertes Allel (heterozygot) oder zwei mutierte Allele (homozygot) tragen. Deshalb die Zusatzbezeichnung „EF“ (einfaktorig) bzw. „DF“ (doppelfaktorig). In anderen Sprachen auch mit SF, SD bzw. DF, DD abgekürzt.
Dilute EF ist eine Mutation, die dem Wildtyp nahekommt und hat keinen Einfluss auf das Lipochrom oder das Phaeomelanin, aber die schwarzen Bereiche hellen sich zu einem Dunkelgrau auf. Die Flügel- und Schwungfedern sind bleigrau verwaschen, was besonders beim Kapuzenzeisig deutlich wird. Der Schnabel hat eine bleigraue Spitze. Die Läufe und Zehen sind leicht getönt und die Krallen sind bleigrau.
Dilute DF
Bei Zeisigen mit zwei Allelen des dominanten Dilute-Gens (homozygot) hellen die schwarzen oder braunen Eu-Melaninbereiche sehr stark auf, beeinflussen vorhandenes Phaeomelanin und das gelbe bzw. rote Lipochrom jedoch nicht.
Topas
Es handelt sich um eine der jüngsten Mutationen, die vom Magellanzeisig (Spinus magellanicus) auf andere Zeisigarten übertragen wurde.
Mit dem Topas-Faktor verlieren die die schwarzen Bereiche an Farbtiefe und Glanz, während das Lipochrom an Glanz gewinnt. Die Hornteile sind hell hornfarbig.
Die Eigenschaft Topas vererbt unabhängig vom Geschlecht und rezessiv (NSL recessive).
Silice
Die Mutation „Silice“ hat ihren Ursprung in der Tschechoslowakei und trat bei Erlenzeisigen auf. Deshalb wurden diese Vögel anfänglich als „tschechisch Gelb“ bezeichnet, aber später in Silice umbenannt. Inzwischen wurde die Mutation auch auf andere Zeisigarten übertragen.
Seine Wirkung auf das Gefieder ist auffällig, da die Melanine sehr stark reduziert werden und nur in manchen Körperbereichen noch vorhanden sind. Das betrifft vor allem den Kopf und die Flügel- und Schwanzfedern. Manchmal wird Melanin auch an anderer Stelle, meist auf dem Rücken, ausgebildet. Die Hornteile sind weitgehend von der Melaninverdrängung ausgenommen.
Da es sich beim Silice um eine unabhängig vom Geschlecht und dominante vererbende Eigenschaft (NSL dominante) handelt, gibt es sowohl ein- als auch zweifaktorige Vögel (EF und DF). Bei doppelfaktorigen Vögeln wird das Melanin nahezu vollständig verdrängt, aber diese Vögel haben erhebliche gesundheitliche Defizite. Deshalb entspricht diese Mutationsform nicht den ethischen und moralischen Selbstverpflichtungen der DKB-Mitglieder!
Aufgrund dieser körperlichen Gesundheitsmängel – und weil doppelfaktorige (homozygote) Zeisige keine ausreichende Melaninmenge aufweisen und deshalb kein qualitatives Urteil gefällt werden kann – hat die C.O.M./O.M.J. 2024 beschlossen, nur einfaktorige (heterozygote) Siliziumzeisige zum Wettbewerb zuzulassen.
Weitere Mutatioen und Kombinationen
Mit Vögeln, die eine der vorgenannten vier Hauptmutationen (Pastell, Dilute, Topas, Silice) besitzen, können untereinander eine Vielzahl an Mutations-Kombinationen vorgenommen werden.
Außerdem gibt es noch weitere Mutationen wie Ivoor, Phaeo, Lutino bzw. Rubino. Die Möglichkeiten der Kombinationen werden dadurch noch mehr erweitert. Einige Kombinationen sind allerdings im Phänotyp nicht eindeutig zu identifizieren.
Quellen
Abellán, J. A.: https://www.flickr.com/photos/aviarioabellan/
BelgoBird – Forum Oiseaux Européens, apparentés et insectivores. Unter: https://belgobird.forumactif.com/t8665-tutoriel-tarin-des-aulnes-a-completer
Eytorff, JM: Etude sur l’élevage du Tarin des aulnes (Carduelis spinus) en nouvelles couleurs. Unter: https://www.eleveur-de-carduelines.com/article/etude-sur-lelevage-du-tarin-des-aulnes-carduelis-spinus-en-nouvelles-couleurs/
Eytorff, J-M.; Romain, G.: Le Tarin des aulnes (Spinus spinus) en mutation Agate et Isabelle. Unter: https://www.eleveur-de-carduelines.com/reportages/le-tarin-des-aulnes-spinus-spinus-en-mutation-agate-et-isabelle/
Federación Ornitológica Italia (FOI): Scheda Standard del Cardinalino del Venezuela (Carduelis cucullatus).
Unter: https://cardenalitosraulcordoba.jimdofree.com/estandar/est%C3%A1ndar-cardenalito-venezuela/
O.M.J.: Protokoll des allgemeinen technischen Kongress 2024, Sektion G – H. Unter: https://www.vogelbund.de/wp-content/uploads/Protokoll-Sektion-G-H-2024.pdf
Paparella, A.: Definito lo Standard del Cardinalino del Venezuela. Italia Ornitologica 6/7 2014.
